Nürnberg, Landeskirchliches Archiv

Es dauert einen Moment, bis das Auge sich darauf eingestellt hat – wie beim Scharfstellen eines Kameraobjektivs: Mal fokussiert man das Ganze, mal ein Einzelmotiv. Erst ziehen schier endlos wirkende Raumfluchten einen im freien Fall in die Tiefe, dann wieder holt uns ein harmlos vorbeischwebender Engel oder, ganz handfest, ein aufgeschlagenes Buch, an die Oberfläche zurück. Dieser ständige Wechsel der Perspektive ist ein wesentliches Element der beiden Fotocollagen von Stefanie Unruh. Es gibt nicht den einen, den einzig wahren Betrachterstandpunkt. Wir müssen beweglich bleiben, um das große Ganze in all seinen Dimensionen zu erfassen. Immer wieder neu überdenken, wo wir gerade eigentlich stehen. Im Bild. Und im Leben.

2015
Fotocollagen
Stefanie Unruh

Entstanden ist die „Bildersammlung“ betitelte Fotoarbeit 2015 für den Neubau des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern in Nürnberg. Das Archiv ist das „Gedächtnis“ der bayerischen Landeskirche, dort werden Dokumente aus Hunderten Jahren evangelischer Kirche gespeichert – von Zimelien wie einem Brief Luthers bis zu den Aktenbergen der täglichen Verwaltungsabläufe. Bei einem Wettbewerb, zu dem acht Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Schaffensrichtungen eingeladen waren, Ideen für eine „Kunstintervention“ am oder im Archivgebäude einzureichen, hat der Entwurf von Stefanie Unruh die Jury einstimmig überzeugt. Stefanie Unruhs „Bildersammlung“ besteht aus zwei Fotocollagen, die nahezu wandfüllend auf die Ost- und die Südwand des Foyers abgestimmt sind. Die größere Arbeit trägt den Titel „Kirchenräume“. Dafür hat die in München lebende Künstlerin, die sich häufig mit Spuren und Erinnerungen von Alltäglichem beschäftigt, 30 Kirchen in ganz Bayern besucht und Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Innenräume und einzelner Kunstwerke angefertigt. Die Kirchen stammen vom Mittelalter bis in die Gegenwart und repräsentieren sowohl architektonisch als auch funktional ein breites Spektrum: Kleine Dorfkirchen sind ebenso darunter wie berühmte Ordens- und Stadtpfarrkirchen. Für die Collage hat Stefanie Unruh 73 Fotografien über- und nebeneinander geschichtet. Durch Überblendung werden aus realen Kirchenräumen neue, fiktive Räume geschaffen.

Die zweite Fotoarbeit heißt „Archiv“. Während Kirchenräume der Öffentlichkeit zugänglich sind, erhalten wir hier einen Blick ins üblicherweise Verborgene. Stefanie Unruh hat 58 Fotos von sämtlichen Räumen des Landeskirchlichen Archivs und von ausgewählten Archivalien miteinander kombiniert. Auch hier lösen sich die Grenzen der Motive auf, alles fließt ineinander, ein neues, beinahe schwereloses Gefüge entsteht. Das typische Erscheinungsbild des Archivs wird nicht nur dokumentiert, sondern wie in einem Traumbild überhöht: Wir stehen vor endlosen Magazinfluchten mit schwindelerregenden Regalen, in denen Abertausende Akten aus der Vergangenheit für die Zukunft aufbewahrt werden. Gönnt man sich vor den Collagen einen Moment der Ruhe, gesellt sich zur visuellen Dynamik eine weitere, eine individuelle und sinnliche Ebene: die Erinnerung. Beim Anblick der Kirchenräume mag man an das Knarzen alten Gestühls denken und an den Geruch von Holz, beim Archivbild an die Stille einsamer Gänge – und wie sie sich anfühlt, diese Ehrfurcht vor all den Geschichten, die dort geschrieben stehen.

Schwarz-Weiß-Fotoprints hinter Echtglas
„Kirchenräume“: H. 280 cm, B. 600 cm
„Archiv“: H. 280 cm, B. 300 cm

Nürnberg, Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Foyer
Leihgabe der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Kunstsammlung